Blown away! – Über die Nordsee und ins Skagerrak

…“a nice wind is coming up for you!“…, sagte der schwedische Segler im Hafen von Kirkwall auf den Orkneys zu mir, als ich ihm erzählte, dass wir in zwei Stunden in Richtung Dänemark aufbrechen wollten. Was das zu bedeuten hatte, sollte uns einige Tage später eindrucksvoll bewiesen werden.

Aber von vorn: Nach unserer Reise um die Nordspitze Schottlands zu den Orkneys, warteten wir am Montag, dem 14. September 2015, im Hafen von Kirkwall auf die Flut, um mit der Strömung in Richtung Skagen auslaufen zu können. Den Tag über hatte es gestürmt und geregnet und wir rechneten mit einem wilden Ritt. Der Zeitpunkt zum Auslaufen war für ca. 21.00 Uhr berechnet.

Als wir dann endlich ablegten, war der Wind weg und es herrschte dicker Nebel, so dass wir unter Motor die Reise antraten. Da die Sicht nahezu Null war, mussten wir uns zur Navigation auf elektronische Geräte verlassen. Obwohl kein Wind war, wurden wir durch die starken Strömungen zwischen den Orkneys kräftig durchgeschüttelt. Auch wenn der Wide Firth, der Shapinsay Sound und der Stronsay Firth vermeintlich nicht ganz so gefährlich sind wie der berüchtigte Pentland Firth, war der Unterschied zwischen der FüG und der FdW doch erheblich und wir kamen, obwohl es sich nicht so anfühlte, erstaunlich schnell voran. Nachdem wir die Orkneys hinter uns gelassen hatten, kam ein leichter Wind auf, der den Nebel verscheuchte, aber leider von vorne wehte, so dass wir zwar segeln konnten, jedoch nicht in die Richtung, in die wir eigentlich wollten.

Lars, Henning und Matthias hatten sich ein Wachsystem ausgedacht, das gut funktionierte. Jeweils zwei Leute gingen für drei Stunden Wache, wobei der Rhythmus um eineinhalb Stunden versetzt war. Das hatte zur Folge, dass man seine dreistündige Wache mit zwei verschiedenen Personen verbrachte. Das schaffte etwas mehr Abwechslung und alle 90 Minuten standen drei Personen für ein Manöver zur Verfügung. Das beste System, das ich bis dahin erlebt habe. Die nächsten zwei Tage waren von mäßigen Winden, meist aus ungünstigen Richtungen, etwas Regen und spannenden Aussichten auf Bohrinseln in der Nordsee geprägt. Der fehlende Wind zwang uns hin und wieder dazu, den Motor zu benutzen. Leider stellte sich bei allen zeitweilig mehr oder weniger schwere Seekrankheit ein, was die Stimmung an Bord etwas drückte. Für Hanno, Mirja und mich war es die erste mehrtägige Fahrt ohne Unterbrechung.

Nach drei Tagen, mittlerweile war es Donnerstagmittag, näherten wir uns der norwegischen Küste. Der ursprüngliche Plan war, in einem Rutsch nach Kristiansand (Norwegen) zu fahren, dort eine Pause zu machen und dann die letzten 80 Meilen nach Skagen zurückzulegen. Weil wir bisher insgesamt aber eher langsam vorangekommen waren, wurde gemeinsam entschieden, direkt nach Skagen zu segeln, damit wir zumindest eine Chance auf eine pünktliche Ankunft aufrechterhalten konnten. Bis zu diesem Zeitpunkt war von dem „nice wind“ noch nichts zu spüren gewesen. Aber dann!!

Am Abend des Donnerstags drehte plötzlich der Wind von Nordost über Nord nach West und frischte auf. Aha, da war er also! Die Vorhersage lautete Westwind mit 5 Bft., in Böen 7. Nun gut, die Segel wurden entsprechend getrimmt und los ging die Fahrt mit achterlichen 5 Windstärken. Leider war die Vorhersage nicht ganz zutreffend, denn es waren ab Mitternacht eher 7 Bft. mit 9 in Böen. In einem abenteuerlichen Manöver in den frühen Morgenstunden des Freitags wurde das Großsegel eingeholt und das Vorsegel auf Taschentuchgröße verkleinert. Die mehrere Meter hohen Wellen rollten links, rechts, vor, hinter, über und unter uns hindurch, während unsere drei Wachführer Lars, Henning und Matthias versuchten, das Boot auf Kurs zu halten. Immer wenn eine Welle eine leicht andere Richtung hatte, wurde die Milonga sehr stark gekrängt. In einem dieser Momente wurde ich, an Steuerbord sitzend, von einer Weller umspült und war danach erstens dankbar dafür, angepickt zu sein, zweitens erstaunt, dass die Milonga das verkraftet und drittens froh, dass Lars am Steuer so ruhig blieb, dass ich danach auch einigermaßen ruhig bleiben konnte. So konnte ich die Angelleine bergen, die sich bei der Aktion mit den rostigen Haken im Steuerrad verfangen hatte (sie hätte natürlich schon seit einer Woche nicht mehr im Schwalbennest liegen sollen). Trotzdem war ich erleichtert, als meine Wache gegen 03.00 Uhr zu Ende war und ich in die Koje schlüpfen konnte.

Gegen 09.00 Uhr morgens stand ich auf und beim Blick aus dem Salon sah ich keinen Himmel sondern in allen Richtungen nur Wasser. Im Cockpit saßen drei bereits ziemlich nasse Crewmitglieder, die allerdings bester Laune waren. Kein Wunder, hatten wir doch in den vergangenen 8 Stunden ca. 100 Seemeilen zurückgelegt. Das Schiff lief mit bis zu 12 Knoten FüG bei, in Böen 41 Knoten Wind, in Richtung Skagen. Ein- zweimal kam es noch zu kritischen Situationen, aber ein hochkonzentrierter Matthias steuerte die Milonga eisern in Richtung Ziel.

Bei der Passage des Skagens Gren (Nordspitze Dänemarks) wurde es doch noch einmal knifflig, als wir den „Absprung“ aus dem Skagerrak in den Kattegat schaffen mussten. Doch auch dieses Manöver gelang und wir freuten uns auf weniger Seegang und eine baldige Ankunft. Allerdings hatten wir nun die 9 Windstärken gegen uns. Obwohl der Motor alles gab, was in ihm steckt, brauchten wir dann noch mal vier Stunden, bis wir im Hafen von Skagen festmachen konnten. So war dann die Ankunft auch ein besonderer Moment, in dem die Anspannung von allen mit einem Mal abfiel und sich echte Erleichterung breit machte. Die Crew war erschöpft, aber froh, angekommen zu sein und genoss den letzten Abend an Bord mit Matthias legendärem Linseneintopf. Nach diesem Törn sind wir alle um einige Erfahrungen reicher und sind in Zukunft vermutlich vorsichtiger, wenn es um Wetter- und Windvorhersagen geht. „nice winds“ können nämlich auch ziemlich übellaunig werden. Mir persönlich hat die See zum ersten Mal sehr eindrucksvoll demonstriert, wie mächtig und gefährlich sie sein kann und wie es sich anfühlt, wenn ein Boot Spielball von Wind und Wellen ist. Am Ende ist der Crew der Spaß trotz der Grenzerfahrung nicht vergangen und der nächste Törn kommt bestimmt.

Frank